Steht die 50+1 Regelung auf der Kippe?
Viel berichtet wurde in den letzten Tagen über die mögliche Übernahme von Manchester United durch ein Konsortium aus Katar unter der Leitung von Scheich Jassim bin Hamad Al Thani. Die derzeitigen Besitzer, die Glazer-Familie, überlegen den Klub für sage und schreibe rund 5 Mrd. USD zu verkaufen. Es heisst zwar, dass am Ende eventuell doch keine Einigung zu Stande kommen wird, da sich die Glazer-Familie gegen einen Verkauf entscheiden könnte, jedoch wäre es keine Überraschung, wenn die Kataris bei Manchester United einsteigen. Schliesslich sind viele Fussballclubs in der Premier League bereits im Besitz von Investoren. Erfolgreiche Beispiele sind Manchester City, bei dem die Abu Dhabi United Group 2008 eingestiegen ist, oder Newcastle United, welchen 2022 ein saudisches Konsortium übernommen hat.
Schaut man sich die Big-Five Fussballligen (Bundesliga, La Liga, Premier League, Serie A und Ligue 1) genauer an, kann man einen eindeutigen Trend erkennen. Der Anteil lokaler Besitzer ist in den letzten 20 Jahren um 40 Prozent gesunken, wie ExpressVPN berichtet. Gleichzeitig ist der Anteil von Besitzern aus dem Ausland stetig gestiegen. So haben US-amerikanische Geldgeber bereits Investitionen in 17 europäischen Fussballklubs, während sechs Klubs im Besitz von Eigentümern aus dem arabischen Raum sind. Daher wäre es nicht überraschend, sollte Scheich Jassim Manchester United übernehmen, denn er wäre nicht der erste ausländische Investor in der Premier League.
Erfolgsmodell Investoreneinstieg?
In Deutschland sieht es hingegen komplett anders aus als in den vier anderen grossen Ligen in Europa. Mit grossem Abstand ist die Bundesliga die Liga, bei der Mitglieder oder Club-Unterstützer den Grossteil der Vereine besitzen oder der Verein in Eigenverantwortung handelt. Von den 18 Vereinen, die erstklassig spielen, sind 11 Klubs in der Hand von Mitgliedern oder sonstigen Unterstützern. Verglichen mit der Serie A in Italien ist dies ein extrem hoher Anteil. Dort gibt es nämlich keinen einzigen Klub mehr, der nicht von Investmentfirmen, vermögenden Privatpersonen oder Unternehmen besessen wird.
Deutschland ist diesbezüglich also einzigartig. Dies liegt an der 50+1 Regel, die hier seit 1999 gilt. Diese soll verhindern, dass ausländische Investoren die Kontrolle über Profimannschaften übernehmen. Daher sind Vereine dazu verpflichtet, mindestens 50% der Stimmrechte zu halten, was theoretisch dazu führen soll, dass das sportliche Interesse im Vordergrund steht. Es ist jedoch fraglich, ob sich diese Tradition noch viel länger halten wird, da die Wettbewerbsfähigkeit ausländischer Vereine, die einen Investor haben, im internationalen Vergleich potenziell so stark sind, dass deutsche Vereine nicht mehr konkurrieren können. Dass nicht jeder Investoreneinstieg automatisch ein Erfolg wird, zeigt jedoch der Fall von dem jordanischen Geschäftsmann Hasan Ismaik und dem TSV 1860 München. Der sportliche Erfolg liess auf sich warten und der Verein stieg letztendlich sogar in die viertklassige Regionalliga ab.
Da auch die DFL diesen Trend erkannt hat und eine verringerte Konkurrenzfähigkeit fürchtet, liess sie im Mai 2023 alle Vereine der ersten und zweiten Bundesliga über einen Investoreneinstieg abstimmen. Für die nächsten 20 Jahre hätte ein Investor 12,5 % der Anteile an einer neu gegründeten Tochtergesellschaft der DFL für 2 Mrd. Euro kaufen können. Dieser Vorschlag wurde jedoch von 11 Vereinen abgelehnt und fünf Vereine enthielten sich, weshalb die erforderliche absolute Mehrheit nicht erreicht wurde.
Gespaltene Fanmeinungen zu Investoren in Deutschland
Die Fans sind bei dieser Frage übrigens gespalten. Laut aktueller Umfrage sind derzeit 50 % der Fans damit einverstanden, erlössteigernde Massnahmen für die Bundesliga vorzunehmen, um den finanziellen Rückstand zur Premier League zu verringern. Dies könnte durch mehr Spiele im Pay-TV oder zusätzliche Anstosszeiten erreicht werden. Ausserdem sehen 26 % der deutschen Fans den Einfluss von Investoren auf den Sport als “sehr positiv”. Mit “eher negativ” oder “sehr negativ” antworteten nur 13 %. Trotzdem ist es 87 % der Fussballfans wichtig, dass die Traditionen auch bei einem Investoreneinstieg weiterhin gewahrt werden.
Ob sich die 50+1 Regel im deutschen Fussball halten kann, bleibt abzuwarten. Der Druck auf diese Vorschrift und die Diskussionen darüber werden in Zukunft wohl nicht abreisen, besonders, wenn deutsche Vereine in den internationalen Wettbewerben nicht mehr mit den von Investoren unterstützten Klubs konkurrieren können.












